Eins vorweg: das Buch ist erstmalig 1940 erschienen und wurde dann 1967 noch einmal überarbeitet. Man merkt schon, dass es einige Jahre auf dem Buckel hat, andererseits ist es m.E. aber dadurch nicht unbedingt schwerer zu lesen, weil die Inhalte zeitlos sind und sich der Sprachstil für mich auch nicht "so alt" liest.
Es fällt mir schwer, das Buch kurz und knackig zusammenzufassen. Es ist schon sehr komprimiert. Wenn ich es wirklich auf ein, zwei Sätzen runterbrechen soll: um ein Buch "richtig" zu lesen, reicht es nicht, es nur einmal zu lesen. Und insbesondere soll man sich an einige Regeln halten, je nach der Stufe des Lesens und Verstehens, in der man sich gerade befindet. Was schon damit anfängt, wie und wie viel man lesen sollte, um überhaupt erst zu entscheiden, ob man das Buch wirklich "richtig" lesen möchte.
Ich muss zugeben, ich sehe mich wirklich nur sehr selten so viel Aufwand treiben. Und doch war es unheimlich interessant, sich durch alle Ratschläge und Erklärungen und Meinungen durchzuarbeiten.
Damit man ungefähr ahnen kann, was einen erwartet, hie die Zusammenfassung der Regeln aus dem Anhang des Buches:
Grundregeln
- Man sollte ein Buch nicht langsamer lesen, als es verdient, und nicht schneller, als man es mit Befriedigung und Textverständnis lesen kann.
- Versuchen Sie nicht, beim ersten Durchgang eines schwierigen Buchs jedes Wort oder jede Seite zu verstehen.
Grundsätzliche Fragen an jeden Text
1. Wovon handelt das Buch?
2. Was wird im Einzelnen gesagt und wie wird es gesagt?
3. Ist das, was im Buch steht, wahr - insgesamt oder zum Teil?
4. Warum ist das wichtig?
Fragen beim prüfenden Lesen
1. Mit welcher Art Buch habe ich es zu tun?
2. Wovon handelt es?
3. Wie ist es aufgebaut?
Erstes Stadium des analytischen Lesens: Regeln, mit deren Hilfe man feststellt, worum es In einem Buch geht
1. Klassifizieren Sie das Buch nach Art und Thema.
2. Legen Sie kurz dar, wovon das Buch handelt.
3. Zählen Sie die Hauptteile des Buchs in der richtigen Reihenfolge und in ihrer Beziehung zueinander auf und geben Sie einen Überblick über diese Teile.
4. Benennen Sie die Probleme, die der Autor zu lösen versucht.
Zweites Stadium des analytischen Lesens: Regeln zur Interpretation des Inhalts
5. Finden Sie die wichtigen Begriffe und klären Sie diese Begriffe.
6. Streichen Sie die wichtigsten Sätze im Buch an und suchen Sie nach den darin enthaltenen Behauptungen.
7. Suchen Sie die Sätze mit den grundlegenden Argumenten des Autors.
Drittes Stadium des analytischen Lesens: Regeln für die kritische Würdigung eines Buchs
8. Stellen Sie fest, welche Lösungen der Autor gefunden hat.
9. Bevor Sie ein Buch kritisch beurteilen, müssen Sie es verstanden haben.
10. Wenn Sie dem Autor widersprechen, tun Sie das sachlich.
11. Unterscheiden Sie immer zwischen Wissen und persönlicher Meinung und begründen Sie Ihre Kritik.
12. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor uninformiert ist.
13. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor fehlinformiert ist.
14. Weisen Sie nach, inwieweit der Autor unlogisch denkt.
15. Weisen Sie nach, inwieweit Darlegung oder Analyse des Autors unvollständig sind.
Leseregein für Belletristik
1. Versuchen Sie nicht, sich den Wirkungen zu widersetzen, die ein belletristisches Werk auf Sie ausübt.
2. Suchen Sie nicht nach Begriffen, Behauptungen und Argumenten in Werken der schönen Literatur.
3. Wahrheit und Folgerichtigkeit sind keine Kriterien für die Beurteilung von Belletristik.
4. Machen Sie sich in der imaginären Welt heimisch, lernen Sie sie kennen, als wären Sie als Beobachter dabei, werden Sie zu einem ihrer Bewohner, seien Sie bereit, sich ihrer Figuren anzunehmen, und in der Lage, an den Geschehnissen durch mitfühlende Einsicht teilzunehmen wie an den Handlungen und Leiden von Freunden.
5. Kritisieren Sie einen Roman oder ein Drama erst dann, wenn Sie voll einschätzen können, welches Erlebnis der Schriftsteller Ihnen vermitteln wollte.
6. Lesen Sie erzählende Prosa schnell und tauchen Sie völlig in sie ein.
7. Lesen Sie ein Gedicht in einem Stück, ohne zu unterbrechen, wenn Sie etwas nicht verstehen.
8. Lesen Sie das Gedicht nach dem ersten Durchgang noch einmal durch, aber lesen Sie es laut.
Biografien, Autobiografien
Biografien liest man wie historische Werke und als Dokumente ihrer Zeit. Autobiografien liest man mit einer gewissen Skepsis.
Syntopisches Lesen: Leseregeln für das vergleichende Lesen mehrer Bücher
1. Finden Sie die wesentlichen Textpassagen.
2. Legen Sie die Begriffe fest.
3. Stellen Sie klare Fragen.
4. Definieren Sie die Probleme.
5. Analysieren Sie die Diskussion.